Wiesbadener Kurier 16.Oktober 2020
Von Brigitta Lamparth
Wiesbaden. Der Titel klingt aktuell:“Immer wieder
Hiobsbotschaften“ ist die Ausstellung in der Kunstarche überschrieben.
Ein Projekt, das Kunstarchen-Mitbegründerin Felicitas Reusch aber schon
seit ihrem 14. Lebensjahr umtreibt: „Das ist mein Lebensthema“ sagt die
heute 72-Jährige. Immer wieder aufzustehen nach Schicksalschlägen.
Ausgelöst
wurde es damals von Oskar Kokoschka. Der berühmte expressionistische
Maler hat sich aber nur einen Aspekt der Leidensgeschichte Hiobs
herausgegriffen für seine kraftvollen Zeichnungen:Den Konflikt von Mann
und Frau. Kokoschka selbst hat diese Blätter der jungen
Kunstbegeisterten damals vorgelegt. „Er lebte am Genfer See. Meine Tante
auch – sie war die Witwe von Dirigent Wilhelm Furtwängler. Kokoschka und
er hatten in Salzburg zusammen gearbeitet.“ Die Begegnung mit dem Maler
war für sie ein Schlüsselerlebnis. Und mit der Ausstellung zum Thema
Hiob schließt sie so einen Kreis.
Reusch reichert sie aber nicht nur aus dem Bestand
der Kunstarche an, in der Nachlässe von Künstlern der Region gesammelt
werden, sondern hat auch die Wiesbadener Künstlerin Gabrielle Hattesen
gebeten, hiesige Kollegen ihrer Wahl dazu einzuladen. So ist die
sehenswerte Schau auch ein Brückenschlag über Generationen.
Mireille
Jautz greift dieses Thema direkt auf mit ihren Porträts einer älteren
Dame. „Hiobsbotschaften“, Unglücksnachrichten, die über Rechtschaffene
hereinbrechen – das bewegt auch Fee Kempf in ihrem gleichnamigen Bild.
Die Verhärtung der Gesellschft thematisiert Emad Korkis. Birgid Helmy
setzt sich in neuen Plastiken mit dem Thema Eutanasie auseinander,
Ingrid Heuser spürt Gewalt und Verwüstung nach, Roman Mikos wirft die
Menschen im bunten Spielcasino auf sich selbst zurück. Sandra Heinz
bringt die Verbote für Muslime als Schriftmuster auf Kleidung. Nora
Katthöfer arbeitet sich mit ihren sehr feinen, spielerischen
Papp-Ausrissen an menschlichen Daseinszuständen ab- jedes ein kleiner
Mikrokosmos. Die „zerbrochenen Krüge“, Gefäßskulpturen aus Holz von
Werner Eberle, sind gleichermaßen ästhetisch wie rätselhaft. Bernd Brach
steuert mit einem Objekt seines „Jesusprojekts“ den Aspekt der Erlösung
bei. Und Gabrielle Hattesen selbst interpretiert ein Gedicht der
Bürgerrechtlerin Maya Angelou.
Gewicht haben die Arbeiten aus den Beständen der
Kunstarche. Existenzielle Fragen berührt KH Buch, Peter Lörincz lässt
einer Figur wie im Psalm 69 das Wasser bis zum Hals stehen. Die frühen
Blätter und Skulpturen von Thomas Duttenhoefer berühren in ihrem
erstarrten Leiden. Bei Felix Hamsvaar, diesem großen Wiesbadener
Künstler, Jahrgang 1927, hört man förmlich den Angstschrei des nackten
Manns, der eine schlimme Nachricht abwehrt.
Und schließlich gibt es noch jene Blätter von
Kokoschka in einem schönen Band, der in einer Vitrine an eine erste
Begegnung mit Hiob erinnert.
