Wiesbadener Tagblatt – Kultur 17. Januar 2012
Von Birgitta Lamparth
Sie
lagen buchstäblich schon im Müll. In einem alten Agfa-Karton wurden die
Fotografien von Wolfgang Ost entsorgt. Das frühere Mitglied der Gruppe
50 war gestorben. Gertraud Hasselbach hatte davon gehört – und rettete
die wunderbaren Fotografien vor einem traurigen Schicksal. Jetzt hängen
sie in der Ausstellung, die gestern Abend im „Schaufenster Stadtmuseum“
eröffnet wurde und sich dem Verein „Kunstarche“ widmet.
Retten
und Bewahren – das ist die Aufgabe des Vereins. Er wurde von Künstlern
gegründet, damit genau das nicht passiert: Dass ein Lebenswerk nach dem
Tod in alle Winde verstreut wird oder wie bei Wolfgang Ost noch
Schlimmeres droht. „Sie arbeiten ganz anders im Alter, wenn Sie wissen,
dass Ihre Arbeit in gute Hände kommt“, sagt Arnold Gorski. Er hat die
Kunstarche gemeinsam mit seinem Malerkollegen Johannes Ludwig und dem
Bildhauer Wolf Spemann ins Leben gerufen. Vorläufer dazu gab es, auch
das dokumentiert die Schau, schon in Darmstadt oder in Berlin. Hier war
es der in Schlangenbad lebende Kunstprofessor Ludwig, der sich Ende der
90er Jahre mit der Gründung einer Nachlassverwaltung auch anderer
Künstler befasst hatte. Seine Idee fiel auch bei einer Versammlung von
Künstlern über 60 vor zwei Jahren im Kunsthaus auf fruchtbaren Boden.
Die
Kunstarche sammelt seither Arbeiten aus Nachlässen von Künstlern, die
im Umfeld Wiesbadens gelebt haben. Nach dem Umzug der Artothek in das
neue Gebäude der Kunsthalle auf dem Schulberg hat die Stadt der
Kunstarche dafür den Raum neben dem Stadtarchiv im Gewerbegebiet Im Rad
zur Verfügung gestellt. „Wenn wir aber noch fünf, sechs weitere
Nachlässe aufnehmen, dann ist der Raum voll“, sagt Arnold Gorski. Das
sei also ein Provisorium, „aber es ist ein Anfang“.
Und den
beleuchtet die Ausstellung auch im übertragenen Sinne: Nach der Idee von
Hans-Jörg Czech, Direktor des Stadtmuseums, wird gleichzeitig an die
Künstlervereinigungen erinnert, die seit 1945 in Wiesbaden entstanden
sind. Und das sind nicht wenige: 1948 der Künstlerbund, 1950 die Gruppe
50, 1951 der Künstlerkreis um Adolf Presber, 1955 der Berufsverband
Bildender Künstler und 1965 die Gruppe Real um Felix Hammesfahr. Eine
schöne Idee ist die besondere Ausstellungsarchitektur. „Wir wollen bei
unseren Ausstellungen den Raum zum Erzählen bringen“, so Dr. Torben
Giese vom Stadtmuseum. Und er erzählt: Mit Kunst an Gitterwänden von der
Archivierung, mit dokumentarischen Texten auf gebogenen Holzwänden vom
Bau einer Arche. Und in der Mitte eines Raumes wurde sogar ein richtiger
Kunstarche-Arbeitsplatz eingerichtet.
Daran freilich mangele es
in der Realität noch, so Arnold Gorski: „Uns fehlen finanzielle
Grundlagen – wir hoffen auf Sponsoren.“ Die könnten sich in der
Ausstellung auch von der Qualität der Werke überzeugen, die es für die
Stadt und die Nachwelt zu erhalten gilt.
Manche Arbeiten, die
jetzt hier hängen, seien Schenkungen, einiges auch Leihgaben, berichtet
Felicitas Reusch, Vorsitzende des Vereins Kunstarche. Zu sehen sind
ausschließlich Werke von verstorbenen Künstlern, und dabei trifft man
auf viele bekannte Namen: Von Alo Altripp über Vincent Weber bis zu
Oskar Kolb und Franz Theodor Schütt. Auch zwei Arbeiten von Renate von
Christen sind zu sehen, die erst vor wenigen Wochen gestorben ist. Und
Plastiken von Horst Panknien – auch sie wären fast im Müll gelandet.
Aber nicht ohne Grund hat Wolf Spemann für die Kunstarche ein
symbolisches Signet entwickelt: eine Arche, mit einem schützenden Bogen
darüber.

