Wiesbadener Tagblatt 12.3.2019
Von Christine Dressler
Wiesbaden. Meist präsentiert die Kunstarche ihre
Nachlassbestände und Mitglieder. Jetzt erweitertert der zweite
Vorsitzende Bernd Brach als Kurator der aktuellen Ausstellung das
Spektrum um Leihgaben für ein Thema das alle betrifft: „Mutter“ rund 60,
oft mehrteilige Werke von 26 Künstlern.
Mit sieben aus dem Bestand spannen zehn Mitglieder
und neun Gäste den Bogen von 1920 bis heute. Er spiegelt anregend,
vergnügt, sinnlich, liebevoll, kontrovers oder alarmierend jede Facette
des Kontexts.
Zu sehen sind die eigene oder christliche Mutter,
Ur-, All-, oder Erdenmutter, die werdende, verhinderte oder pervertierte
Mutter. KH Buch malt seine Mutter 1938 repräsentativ. Nach dem Krieg
zeichnet er sie ungebrochen stolz, aber mit so armen Mitteln wie Ruth
Teßloff ihre strickende Mutter. 1990 filmt Karin Hoerler die Mama beim
Hausputz respektvoll, aber von deren Lebensinhalt distanziert. Rührend
wie Brachs gewachste Installation aus Erbstücken der Mutter erinnert,
Petra Ehrnsperger in neuen Materialcollagen an Dinge ihrer Mutter.
Ebenso divergent präsentiert sich die christliche
Inkarnation der Mutter. Expressionistisch bahnt Josef Eberz‘ Grafik die
heillige Familie 1920 auf der Flucht. Roman Nikos transformiert 2018
Maria mit dem Kind altmeisterlich zur heutigen Mutter mit Baby. Auf
Peter Blakes Pop-Art-Gemälden beachtet an Kaliforniens Strand keiner
außer Maria den Retter der Welt. Während Frank Deubels rauschhafte Fotos
2016 die Madonna entmaterialisieren, strebt sie in Henry Moores
Aquatinta 1980 nach amorpher Auflösung. Dramatisch explodiert in Thomas
Duttenhoefers Eisen- Pietas 2004 die religiöse Botschaft.
Weggeworfene Silikonbabys zieren schicke Handtaschen
Die Urmutter inzeniert wiederum Thomas Meyer vor
einigen Jahren in Beton so konträr wie Willy Weiglein ihre Präzenz 1967
in Öl beschwört. Lieselotte Schwarz komprimiert 1984 so ironisch wie das
ganze Leben einer Mutter in einem Aquarell wie Dieter Kliesch 1965 die
Last einer Mutter auf einem Kuvert. Die zwiespältig lebenssprühende
Terracotta Büste, der vom Kind auf dem Kopf zum Grinsen gezwungenen
Mutter schuf Susan Geel dagegen zur Schau. Wolf Spemanns typische
Bronze, in der die Eltern das Kind einkugeln, ergänzt seine noch nie
gezeigte Keramik-Squaw mit Säugling im Käfig. Auch Arnold Gorskis still
wartende Mutter und Herbert Gelhards verheißungsvolle Schwangeren-Akte
konstrastieren neue Arbeiten: Drastischer als Gabrielle Hattesen
20-teiliges „Mutterkreuz“, das Verhütung ästhetisiert, schocken ihre
teils in schicke Handtaschen verwandelte Fotodrucke von weggeworfenen
Silikonbabys für kinderlose Frauen.
