Frankfurter Algemeine Sonntags Zeitung 14.07.2013
Wer das Heimat-Gen in seinem Erbgut hat tippt auf
die eigene Stadt. In Wiesbaden ist in allen Ausstellungshäusern ein
pralles Angebot. Von den vielen Angeboten im Landesmuseum möchte ich nur
die von Roman Zieglgänsberger kuratierte Ausstellung Hanna Bekker vom
Rath erwähnen, zeigt sie doch wie viel eine einzelne Frau in einem
langen Leben für Künstler bewegen kann, wenn sich Leidenschaft mit
Klugheit paart und sich zum Kennerblick kaufmännisches Geschick gesellt.
Im Bellevuesaal zeigt der derzeitige Stipendiat aus Baroda (Indien)
Lochan Upadhyay sechs Vehikel, die er aus Freude an der Veränderung mit
Sperrmüllteilen aus Wiesbadens Straßen gebaut hat. Diese delikaten
Gestelle ohne Motor transportieren eine Fülle von Assoziationen vom
Morgenland zum Abendland. Sparsamer Umgang mit Farbe und Bild
charakterisiert den Kommunikationsdesigner Albert Ernst. Das
Stadtarchiv zeigt im großen Saal seine scharfsinnige Produktion aus drei
Jahrzehnten. „Vor allem Schrift“ heißt diese Ausstellung zur visuellen
Stadtgeschichte und ruft in Erinnerung welche Kinos, Kabaretts,
Lesungen, und Diskussionsveranstaltungen mit Plakaten beworben wurden.
Vom öffentlichen Raum geht es weiter zum individuellen
Künstlerschicksaal Herbert Gelhards im Kabinett der Kunstarche. 24
kleine Blätter zeigen farbige Aktdarstellungen, Sekundenzeichnungen, die
es in sich haben. Sein Selbstporträt schaut zurück auf die Stadt, in
der er Anwalt und Notar war, bis er sich 1976 entschloss ausschließlich
freischaffender Künstler zu sein. Auch diese Ausstellung zeigt ein Werk
von über dreißig Jahren nur anhand von Akt- und Gewandzeichnungen.
Intimer geht es nicht! Wer aber die ganze Stadt im Sonnenlicht liegen
sehen möchte, der kann auf den Schläferskopf wandern und von der
Terrasse des neuen Restaurants ins Tal blicken. Ich denke dann nur
‘schade, dass diese Bürger dort unten noch kein Stadtmuseum haben‘.
