Wiesbadener Kurier 11. Juli 2018
Von Volker Milch
Wiesbaden.
Vielleicht nach Südindien? Oder nach Kapstadt? Oder doch nicht ganz so
weit und lieber eine kleine Zeitreise nach Paris? Dort kann man sich am
Quai des Orfèvres eine Reihe von Oldtimern anschauen. Ein Blick auf
Frankreichs Hauptstadt durch die Augen von Max Bollwage: Der 1927
geborene Grafikdesigner hatte 1951 als Student der Wiesbadner
Werkkunstschule an einer Klassenreise nach Paris teilgenommen. „Der
Skizzenblock gehörte selbstverständlich dazu“, erinnert sich Bollwage im
Katalog zur Ausstellung “Reisebilder – gezeichnet und gemalt“.
„Ich möchte es haben, also landet es im Skizzenbuch“
Der
Verein Kunstarche, der sich der Bewahrung und Erschließung von Werken
aus der Wiesbadener Künstlerschaft widmet, hat sich in der aktuellen
Schau ein wirklich sommerliches Thema vorgenommen. Und der Skizzenblock
von Max Bollwage bewahrt die Frische der Eindrücke des jungen Mannes
über Jahrzehnte. Zum Beispiel drei Grazien am Strand, mit schwungvoller
Delikatesse hingeworfen und koloriert. Ob Max Bollwages Satz, dass das
Skizzieren für ihn etwas Besitzergreifendes habe, wohl auch für diese
Strandszene gilt? „Ich möchte es haben, krieg es aber nicht, also landet
es als Motiv auf dem Zeichenblock oder im Skizzenbuch.“
Bollwage
aus dessen Schaffen als Buchgestalter ebenfalls reizvolle Beispiele zu
sehen sind (Goran Schildt:“Die Wunschreise“), steht für eine von vielen
Variationen des Themas “Reisebilder“. Stadtrat Helmut Nehrbaß freut sich
besonders, wie er in seinen Begrüßungsworten als Vertreter des
Kulturdezernenten Axel Imholz sagt, dass zwei der „Gründungsväter“ der
Kunstarche bei der Ausstellungseröffnung in den Räumen des Stadtarchivs
präsent sein können: Der Bildhauer Wolf Spemann und der Maler Arnold
Gorski, der auch mit Impressionen aus der Howachter Bucht in der
Ausstellung vertreten ist. Nehrbaß würdigt die „ganz, ganz
verdienstvolle Arbeit“ der Kunstarche, die Nachlässe von Künstlern
sammle und bewahre, „die nicht unbedingt in den großen Museen der Welt
zu sehen sind, aber für uns doch wichtige Werke geschaffen haben.“
Der
Publikumsandrang bei der Eröffnung war vermutlich nicht nur der
Anziehungskraft des Reise Themas zu verdanken, Felicitas Reusch, die
Vorsitzende des Vereins Kunstarche, Mäzenin und engagierte Streiterin
nicht nur für regionales Kunstschaffen, feierte im Ausstellungs- Rahmen
ihren 70 Geburtstag nach.
„Noch
nie sind die Menschen so viel gereist wie heute, und noch nie haben sie
so viele Fotos von ihren Reisen mit nach Hause gebracht“, sagt die
Kunsthistorikerin in ihrer Begrüßung.
Sie
stellt der digitalen Bilderflut das beharrende Moment der Malerei
entgegen wie es den Besuchern in den Werken von Michael Moering
(1942-1986) entgegentritt. Die Aura verehrter Maler suchte er an ihren
Lebensorten auf. Bei einer Reise 1985 in die Provence etwa malte er
Cézannes Atelier oder den Meister höchst selbst an der Staffelei. Von
südlichem Licht durchdrungen – und darin ein wenig an die Resultate der
Tunisreise von Paul Klee und August Macke erinnernd, ist auch ein
Aquarell von Johannes Ludwig, der in 1984 in Ägypten „Häuser mit
Schafen“ als Aquarell verewigt hat.
„Die
Spanne ist ganz weit, von der Sahara bis zur Antarktis“, bemerkt Helmut
Nehrbaß über die Motive der Ausstellung. Die weite Spanne kann man aber
auch auf die Formen beziehen: Dem Realismus in Öl oder Aquarell stehen
zum Beispiel sandige Sahara-Collagen von Christa Göppert oder abstrakte,
wild beschwingte Reise-Tondi von Ricarda Peters gegenüber.
Das
man beim Reisen nicht nur landschaftlicher Schönheit oder exotischen
Menschen begegnet, wie sie Helmut Lippert an einem indischen Strand
sieht, zeigt Erika Kohlhöfer-Hammesfahr: Unter dem ironischen Titel
„Schöne Dolomiten“ ist eine Müllhalde mit Schrottautos viel präsenter
als das Bergpanorama im Hintergrund.
Dass
die Fortbewegung auch immer eine innere Reise ist, setzt Bernd Brach in
atmosphärisch dichten Tuschezeichnungen ins Bild. 1994 unternahm der
Wiesbadener eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela und stellte
architektonischen Eindrücken „Skizzen aus meinem Innenleben“ gegenüber.
