Frankfurter Allgemeine Zeitung 13. Dezember 2016
Von Katinka Fischer
Kaum zu glauben, aber auch Peter Roehr hat einmal
ganz brav seine Hausaufgaben gemacht und mit dem Kohlestift das
Helldunkel eines düster romatischen Waldstücks zu Papier gebracht. Nur
die leuchtend blaue, in selbstbewußten Versalien schwungvoll
daruntergestzte Signatur scheint schon anzukündigen dass der spätere
Wegbereiter des Minimalismus bald aus dem akademischen Kanon ausscheren
sollte. Roehr hat das Blatt um 1962 an der Werkkunstschule Wiesbaden
(wks) hergestellt, wo er die Malerei Klasse von Vincent Weber besuchte.
Jetzt gehört es zur Austellung in den etwas abgelegenen Räumen des
Wiesbadener Nachlassarchivs „Kunstarche“, die die wks-Geschichte
illustriert und damit eine Instution auferstehen lässt.
In dem Backsteingebäude auf dem Schulberg, das
inzwischen als eine Art kummunale Galerie und Atelierhaus dient, wurden
von 1949-1970 junge Gestalter in Illustration, Malerei, Schrift und
Grafik, (Metall-) Bildhauerei, Innenarchitektur, Keramik, Mode und
Fotografie ausgebildet. Insgesamt 150 Ausstellungstücke, zu denen neben
Leihgaben der Ehemaligen auch Werke aus der Nachlass-Sammlung der
Kunstarche gehören, fügen sich zu mehr als nur einem nostaltigischen
Rückblick.
Ein nach Fächern und Klassen geliederter Rundgang
führt zunächst vor Augen, wie gut namhafte Lehrer wie Oskar Kolb, Heiner
Rothfuchs oder eben Vincent Weber ihre Schützlinge auf den Beruf
vorbereitetet haben. Davon zeugen unter anderem Plakate, Buchumschläge,
Metallreliefs, Stoffdesigns, Vasen, Firmensignets oder freie Arbeiten
und sogar kalligraphische, naturillustrative und farbanalytische
Fingerübungen der Grundlehre, die durch eine oft weit über
Schülerarbeiten hinausgehende Reife beeindrucken. Oft haben es deren
Schüler zu Ruhm gebracht.
Dieter Rams zum Beispiel, der auf dem Wiesbadener
Schulberg Innenarchiktetur studierte, bevor er als oberster Formgeber
des für seine wegweisende Ästhetik bekannten Elektroherstellers Braun
reüssierte. Leider erfährt man nicht, ob er auch als Werkkunstschüler
schon Ausnahmequalitäten an den Tag legte. Eines seiner Frühwerke, das
die Schau zusätzlich hätte adeln können, fehlt. Unterdessen die
Zeichnungen eines Waschtisches die Renate Sautermeister 1957 in der
Illustrationsklasse Heiner Rothfuchs schuf, dass ihr Sujet schon früh in
ihr angelegt war: Interieurs und Möbelstücke, die als Metaphern für die
seelische Innenausstattung gedeutet werden müssen, ziehen sich wie ein
roter Faden durch alle Schaffensphasen der Frankfurter Künstlerin
(1937-2012). Das von Pop-Art beeinflusste Werk ihres späteren Mannes
Nikolaus Jungwirth hingegen sollte im Ausdruck nicht so streng sein wie
das Selbstpoträt des 22 Jahre alten Schülers.
Zu den Vertretern der nächsten wks-Generation gehört
Karl-Eckard Carius, den einstige Schüler des Wiesbadener
Dillthey-Gymansiums noch in guter Erinnerung als Kunstlehrer haben und
der heute in Vechta lehrt. Er war 24 Jahre alt, als in der
Bildhauer-Klasse von Erwin Schutzbach hölzerne Holzschmeichler
entstanden, deren Größe und souveräne Form bestimmt sind durch mehrere
kleinere, in der Summe damit übertreffende Einzelteile.
Zur Austellung ist im Reichert Verlag ein Buch
erschienen, das die neben den gestalterischen Werken präsentierten
Zeitungsausschnitte, Zeugnisse, Fotos und andere Dokumente zusäztlich
anreichert mit historisch einordnenden Aufsätzen und Errinnerungen
einiger Ehemaliger an Studienfahrten nach Colmar zum Isenheimer Altar.
Die ehemaligen Karnevalsfeste der Werkkunstschüler schließlich genießen
bis heute einen legedären Ruf, dass sie den Herausgebern ein eigenes
Kapitel wert waren.
1971 lösten Fachhochschulen auch anderswo in
Deutschland die Werkkunstschulen ab. Die im Geist des Bauhauses
wurzelnde Idee, der Einheit von Handwerk und Kunst, die dort
buchstäblich Gestalt annahm, bleibt beispielhaft.
