Wiesbadener Kurier 5.6.2022
Von Brigitta Lamparth
Wiesbaden. Die Idee ist so gut, dass man sich heute
noch wundern kann, warum nicht schon viel eher jemand darauf gekommen
ist: Die Gründung eines Archivs mit Werken von Wiesbadener Künstlern.
Entwickelt wurde sie von drei Künstlern und einer Kunstexpertin. Arnold
Gorski, Wolf Spemann und Johannes Ludwig trafen bei Frau Felicitas
Reusch auf offene Ohren. „Die drei wollten ein Nachlassverwaltung
gründen aber hatten damals keinen Raum gefunden“ , erinnert sich die
Mitbegründerin und Vorsitzende der „Kunstarche Wiesbaden e.V. “ im
Gespräch mit dieser Zeitung an die Anfänge. Erst, als die Arthothek auf
den Schulberg umzog gab es eine Chance. Und seitdem gibt es also die
„Kunstarche Wiesbaden“ neben dem Stadtarchiv ( Im Rad 42). Und genau
dort wird an diesem Freitag um 16 Uhr das zehnjährige Bestehen gefeiert.
Damals wurde zunächst ein Verein gegründet „auch um zu testen ob es
einen Bedarf gibt.“ Den gab es: Heute hat der Verein 200 Mitglieder. Zur
Gründungszeit war Felicitas Reusch gerade 63 geworden, und hatte Zeit
und Lust sich um die Arche zu kümmern:“ Es gab ja von der Stadt keine
Stelle dafür.“ Seitdem macht sie alles ehrenamtlich. „Eine
Nachlassverwaltung ist natürlich keine Kunstmesse, zu der Leute kommen,
die Kunst kaufen wollen. Deshalb habe ich sofort gesagt: Wir müssen
Ausstellungen machen – nur darüber bekommen wir Besucher.“ Längst ist
die Kunstarche ein arrivierter Ausstellungsort. Seit der Gründung wurden
dort 40 qualitätvolle Präsentationen gezeigt. Die erste war von Heiner
Rothfuchs den Buchillustrator. Die populäre Schau war ein
Besuchermagnet. Und die Wiesbadener Künstler entdeckten, dass es da eine
Gelegenheit und einen Ort gab, auszutellen. Daher haben sich die
Ausstellungen anders entwickelt als gedacht: In vielen interessanten
Gruppenausstellung begegnet man der ganzen Breite der Wiesbadener
Kunstszene. Viele Künstler haben in dieser Zeit Werke in die Kunstarche
gegeben. Neben diesen „Vorlässen“ gibt es auch zahlreiche Nachlässe von
Künstlerinnen und Künstlern, die aufgearbeitet werden. “ Wir haben einen
sehr bedeutenden Nachlass von Max Bollwaage bekommen, der als gefragter
Grafiker für Wiesbadener Verlage tätig war“, erzählt Felicitas Reusch.
Es gebe bestimmte testamentarische Übergaben. „Manchmal bekommen wir bei
Haushaltsauflösungen gerade mal ein Plakat – aber das schließt dann
vieleicht eine Lücke.“ Oft gibt es Schenkungen die Erben abgeben.
Dieses Festhalten und Dokumentieren der Wiesbadener Kunstgeschichte sei
für sie sehr spannend:Das ist ein Soziotop, viele Kreise die sich
schließen.“ In Wiesbaden sei die Kunstgeschichtsschreibung lange auf
Alexjei von Jawlenski fixiert gewesen, „daneben hatte sich ein
luftleerer Raum gebildet.“ Roman Ziegelgänsberger, Kustos für die
Klassische Moderne am Landesmuseum, habe sie auch sensibilisiert für die
Maler und Grafiker aus der Generation Jawlenskys. Wie erforscht sie
denn die kunsthistorischen Spuren? Oft im Zeitungsarchiv: Das
Wiesbadnener Tagblatt ist ja seit 1900 digitalisiert, “ das ist eine
wesentliche Fundgrube – ohne die Tageszeitungen könnten wir die
Kunstgeschichte bis in die 60er Jahre nicht erforschen.“ Diese Forschung
hat auch Eingang in zahlreiche Publikationen gefunden. Im Reichert
Verlag sind immer wieder neue Bände entstanden.
Genehmigung einer Stelle als Wunsch an die Stadt
Und welche Ziele hat sie selbst noch in der
Kunstarche? „Ich werde mich selbst im Herbst noch einmal zur Wahl
stellen – und möchte in dieser Zeit die Geschichte der einstigen
Wiesbadner Kunstgewerbeschule in der Wellritzstraße aufarbeiten von 1919
bis 1933.“ Und in nächster Zeit ? Als nächstes folge die Retospektive
für die Malerin Brigitte Zander und im Herbst auch eine große
Ausstellung zu Egon Altdorf gemeinsam mit seiner Nachlassverwaltung in
London. Und was wünscht sie sich „Zu einem mehr Raum – ich hoffe, dass
das Untergeschoss saniert wird, und, dass die Stadt eine Stelle für eine
Kunsthistorikerin oder einen Kunsthistoriker aussschreibt.“ Das wäre
auch auf lange Sicht eine lohnende Aufgabe.
