Pressespiegel

Der Tod als Schlafes Bruder – „Kunstarche“, Ausstellung und Buchpublikation würdigen Bildhauer Emil August Hopfgarten

Freitag, 9. Juli 2021

Wiesbadener Kurier


Wiesbadener Kurier 9.Juli 2021

Von Volker Milch

Wie lassen sich aus so harten Materialien so weiche
Gesichtszüge formen? Der vor 200 Jahren geborene nassauische
Hofbildhauer Emil Alexander Hopfgarten war zweifelos ein Meister seines
Fachs und hat eine doppelte Würdigung durch den Wiesbadener Verein
„Kunstarche“ verdient: eine bis vorraussichtlich Ende September laufende
Fotoausstellung in den Räumen des Stadtarchivs und ein Geburtstagsbuch,
für das die Kunstarchen-Vorsitzende Felicitas Reusch zusammen mit
Margot Kleeund Werner R. Berendt verantwortlich zeichnet. Ein Hauptwerk
Hopfgartens ist ein Grabmal, mit dem Herzog Adolph von Nassau 1848 den
Bildhauer beauftragt hatte. Der Herzog stellte dem Künstler die Mosburg
im Biebricher Schlosspark als Atelier zur Verfügung. Der Sarkophag
seiner früh verstorbenen Gattin Elisabeth, einer russischen Großfürstin,
ist in der russisch-orthodoxen Kirche auf dem Neroberg zu sehen. Fotos
des Grabmals und der wie im Schlaf hingestreckten Schönen mit den
weichen Zügen sind Teil der Ausstellung und finden sich auch in der
reich illustrierten Buchpublikation, die im Reichert Verlag erschienen
ist. Die Meisterschaft im Umgang mit dem Material kennzeichnet auch den
zarten Blütenkranz auf dem Kopf der Elisabeth:“Sie stirbt nicht als
Herzogin sondern naturverbunden als schönes Wesen“, sagt Felicitas
Reusch beim Treffen in der Ausstellung, deren Fotos unter anderem
Patrick Bäuml zu verdanken sind. Im Grabmal erkennt die
Kunsthistorikerin die klassische Auffassung vom Tod als Bruder des
Schlafs wieder und zitiert Mathias Claudius: „Sei guten Muts! Ich bin
nicht wild,/sollst sanft in meinen Armen schlafen.“ Die Milde im
Grundzug des Wesens des 1821 in Berlin geborenen und 1856 in Biebrich
gestorbenen Bildhauers kennzeichnet auch das neben dem Grabmal
bekannteste Werk Hopfgartens: Christus und die vier Evangelisten als
marmorne Kolossalfiguren im Chorraum der Marktkirche. Der frühe Tod
hinderte ihn an der Vollendung des herzoglichen Auftrags, einem
„Geschenk seiner Hoheit“ für den Landesdom: sein Gehilfe Scipione
Jardella setzte die Modelle in die Tat um.“Christus geht in die Gemeinde
und nimmt Sorgen entgegen“, kennzeichnet Reusch die zentrale Figur.“Es
geht immer um Milde, Frieden und Harmonie.“ Nach Studienjahren in
Italien  – sein Onkel Emil hatte in Rom eine Werkstatt – kam Hopfgarten
1844 nach Berlin zurück und traf dort „auf einen sehr religiös
bestimmten König Wilhelm IV. der ein Interesse daran hatte, seinen Thron
christlich zu fundieren“. Für die Kapelle des Berliner Schlosses schuf
Hopfgarten die Figur des Propheten Jonas. Die Reste des zerbombten
Schlosses wurden 1950 gesprengt. Den Krieg überstanden hat der Apostel
Jacobus für St.Jacobi in Berlin-Kreuzberg. Für Hopfgartens Werk mit der
mutmaßlich bewegtesten Geschichte muss man ins russische Tula fahren,
einer 5000000 Einwohner-Stadt südlich von Moskau. In das dortige
Regionalmuseum hat es, wie eine Recherche im Auftrag der „Kunstarche“
ergeben hat, einen marmornen Merkur verschlagen: der Gott mit dem
Flügelhelm spielt auf der von ihm erfundenen Leier. Die Signatur weist
als 1844 in Rom entstanden aus. Der preußische König hatte sie erworben
und im Grottensaal des Marmorpalais aufgestellt.“Typisch Hopfgarten“ ist
für Felicitas Reusch der versunkene Blick des Gottes:“Der ist ganz
glücklich mit seiner Erfindung.“


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