Frankfurte Rundschau 25. Oktober 2022
von Andrea Rost
Von einem „blindem Fleck“ in Wiesbadens Kulturleben
spricht Stadtrat Axel Imholx (SPD). Das Gründerteam der Kunstarche habe
ihn vor zehn Jahren erkannt und seither eine überaus erfolgreiche
Tätigkeit im Zusammenhag mit den Nachlässen lokaler Künstlerrinnen und
Künstler entfaltet. Zahlreiche Ausstellungen seien konzipiert, Kataloge
und Bücher herausgegeben worden. Das Engagement solle nun besonders
gewürdigt werden, kündigte der Kulturdezernent an: Die Wiesbadener
Kunstarche erhält am 4. November den Kulturpreis der hessischen
Landeshauptstadt. 5000 Euro wandern dann in die Kasse des gemeinnützigen
Vereins, dessen Mitglieder alle ehrenamtlich arbeiten. Allen voran die
langjährige Vorsitzende Felicitas Reusch, die bereits 2011 die Künstler
Arnold Gorski, Wolf Spemann und Johannes Ludwig bei der Gründung
unterstüzte. Die Anfänge waren nicht ganz einfach. Erst 2012 stellte das
Kulturamt eigene Räume zur Verfügung. Sie liegen gleich neben dem
Stadtarchiv, das Im Rad 42 beheimat ist. “ Hier ist alles barrierefrei“,
sagte Frau Reusch. Das gelte in jeglicher Hinsicht. Wer Ausstellungen
in der Kunstarche besuche, müsse nicht nur keine Stufen überwinden,
sondern auch keinen Eintritt bezahlen. Unkompliziert könnten Kunstwerke
erworben werden. “ Wenn jemanden ein Bild gefällt, das zum Verkauf
steht, kann er es bezahlen und mitnehmen“, sagte die 74-jährige
Kunsthistorikerin. Heute wie damals stehen die Inobhutnahme und das
Aufarbeiten von Nachlässen Wiesbadener Künstlerinnen und Künstler im
Mittelpunkt. Dabei gehe es oftmals um Kunstschaffende, die nicht in der
ersten Reihe standen, deren Werke aber durchaus bedeutsam seien für die
Kunstgeschichte des „Soziotops Wiesbaden“, sagte Felicitas Reusch. So
besitzte die Kunstarche etwa 600 Arbeiter des Buchillustrators Heiner
Rotfuchs, Nachlässe im Zusammenhang mit der Werkkunstschule, die 1949
bis 1970 in Wiesbaden bestand, außerdem Fotografien von Anni Hensler
Möhring Entwürfe ihres Ehemanns, des Bildhauers Arnold Hensler. Eine
Porträtplastik Henslers kam sogar aus der Schweiz ins Archiv der
Kunstarche. Eine Erbin hatte im Internet über den Verein gelesen und
schickte Frauenbüste nach Wiesbaden. In drei Depoträumen lagern Gemälde,
Grafiken, Skulpturen aus Holz und Metall sowie Keramiken. Für die
grafischen Arbeiten wurden spezielle Metallschränke angeschafft. „Wir
bräuchten viel mehr Platz“, sagte Frau Reusch. Denn das Intresse von
Kunstschaffenden und ihren Nachfahren, ganze Lebenswerke der Kunstarche
zu übergeben, sei groß. „Sie freuen sich, dass wir die Arbeiten und
wertschätzen.“ Mehr als 40 Ausstellungen hat der Verein seit seiner
Gründung bereits organisiert. Aktuell läuft eine Retrosprktive zu Egon
Altdorf. Zu sehen sind großformatige Fotografien, Holzschnitte,
Skulpturen und Bilder des Künstlers, dessen Geburtstag sich in diesem
Jahr zum 100. Mal jährt. Altdorf hatte lange Jahre sein Ateiliers in der
Stadt. Kunstwerke von ihm befinden sich in mehreren Wiesbadener
Schulen. Auch die Glasgestaltung der Neuen Synagoge stammt von ihm.

Kunstarche Vorsitzende Felicitas Reusch mit einer Porträtplastik von Arnold Hensler

