Wiesbadener Kurier · 2. Juni 2024
„Migration mal anders“: Eine neue Ausstellung in der Wiesbadener Kunstarche befasst sich mit dem Wiesbadener Architekten Theo Wiederspahn, der 1908 nach Brasilien auswanderte.
WIESBADEN. Vor Ort erinnern nur noch die Villen Lessingstraße 13, Lortzingstraße 7, Martinstraße 16 und Victoriastraße 18 an den Wiesbadener Architekten Theodor Wiederspahn. Wie detailreich, harmonisch und unglaublich produktiv das Genie Historismus und Jugendstil mit neoklassizistischen Elementen in Brasilien verbreitete, belegt jetzt „Migration mal anders“ in der Kunstarche. Sie, das Deutsche Forschungszentrum Historismus, die TU Darmstadt und die Universität Porto Alegre zeigen rund 150 Exponate zu Wiederspahns Werk. Die Ausstellung erstreckt sich über drei Räume. Originale aus dem Nachlass ergänzen Zeichnungen und 3D-Modelle von Studierenden, Fotografien, Postkarten und persönliche Dinge – von Dokumenten wie dem Maurer-Lehrbrief vom 14. Juli 1895 und Korrespondenz bis zu Wiederspahns Tagebuch, Tuscheglas, Feder und Löschpapierwiege.
Bei der Vernissage beleuchteten die TU-Professorin Elke Reichel die Umsetzung durch die Studierenden und Dr. Vera Grieneisen die Exponate aus Porto Alegre. In Wiederspahns Vita führte Dr. Meinrad von Engelberg ein. Der Wiesbadener lehrt an der TU, engagiert sich mit dem Forschungszentrum für den Erhalt des Historismus und leitet an den Sonntagen 30. Juni und 14. Juli jeweils um 15 Uhr zweistündige Rundgänge zu Wiederspahns Bauten vor Ort. Das Programm ergänzt außerdem ein Vortrag Grieneisens am Freitag, 12. Juli, um 18 Uhr zu den wichtigsten der mehr als 500 Gebäude in Brasilien, mit denen der Architekt das Land prägte.
Anfang 1878 als jüngstes von zehn Geschwistern geboren, lernte er von 1892 bis 1894 das Maurerhandwerk, besuchte parallel die Bau- und Kunstgewerbeschule, bildete sich bis 1896 an der Königlichen Baugewerbeschule in Idstein weiter und begann im selben Jahr für die väterliche Firma Villen in Wiesbaden zu bauen. Ab 1905 in Saarbrücken tätig, ließ sich der vierfache Vater 1908 scheiden und wanderte mit seiner zweiten Frau nach Porto Alegre aus, wo ein Bruder seit 1904 lebte und er ein großes Büro mit vielen Angestellten betrieb. In der Hauptstadt und dem ganzen Bundesstaat Rio Grande do Sul baute Wiederspahn bis 1949 für meist deutsche Auftraggeber, bevor er 1952 starb.
Ausstellungshinweis: Bis 25. Juli 2024 war „Migration mal anders“ in der Kunstarche, Im Rad 42, zu sehen.

