Pressespiegel

Trotz aller Widrigkeiten – Eine Ausstellung in Wiesbaden beschäftigt sich mit Hiobsbotschaften

Sonntag, 1. November 2020

Sonntags Zeitung


Sonntags Zeitung 1. November 2020

Von Anja Baumgart-Pietsch

Wiesbaden. Im Alten Testament behielt Hiob trotz
allem Furchtbaren das ihm widerfuhr, unerschütterlich sein
Gottvertrauen. Künstler können davon auch ein Lied singen.
Hiobsbotschaften erreichen uns momentan täglich. Sie erzählen vom Wüten
der Pandemie, vom Prostest Unbelehrbarer, aber auch von anderen
Katastrophen die Mensch und Natur anrichten. Das Wort ist zum
geflügelten Begriff geworden, aber wer war dieser Hiob, an den es
erinnert? Er ist eine alttestamentarische Figur, dessen Gottesfurcht von
Gott selbst mit schweren Prüfungen herausgefordert wird, weil Satan sie
bezweifelt. Hiob hält alles aus, verliert Familie und Besitz, wird
krank – aber bleibt trotzdem fromm und treu, egal was Frau und Freunde
ihm sagen. Am Ende wird er belohnt und erhält mehr, als er je hatte.
Eine Parabel, die viel und oft diskutiert wurde und nun eine thematische
Klammer zu einer Gruppenausstellung im Wiesbadener Stadtarchiv bildet:
„Hiobsbotschaften“ heißt die Schau, die von der „Kunstarche“ organisiert
und von der selbst teilnehmenden Künstlerin Gabrielle Hattesen
kuratiert wurde. „Man könnte meinen, wir hätten es mit Corona-Zeit
begründet, aber die Idee entstand lange davor“, berichtet Hattesen. Das
Motiv Gottvertrauens trotz aller Widrigkeiten, des Festhaltens an
Überzeugeungen trotz Angst und Schmerzen und Kommunikation mit vielen
anderen hat zahlreiche Künstler und Künstlerinnen inspiriert, die sehr
unterschiedlich mit den Motiven umgegangen sind. Zu sehen in den
grozügigen Räumen des Stadtarchivs in der Straße Im Rad sind BIlder,
Skulpturen und Objekte von 15 Künstlerinnen und Künstlern, alle aus
Wiesbaden. Das ist das besondere an der Arbeit des Vereins „Kunstarche“:
Der 2011 von den Künstlern Arnold Gorski, Wolf Spemann und Johannes
Ludwig gegründete Verein will speziell Wiesbadener Kunst fördern,
erhalten, erschließen und ausstellen und verwaltet beispielsweise
zahlreiche Nachlässe. Man verfügt über ein großes Archiv. Gabrielle
Hattesen konnte daher auf dieses, aber auch auf Werke aktuell
produzierender Koleginnen und Kollegen zurückgreifen und hat eine
abwechslungsreiche Schau organisiert, die sich dem Thema aus
unteschiedlichen Richtungen annähert.

Schwer auszuhaltende Geduld

Dabei ging es nicht nur um das Aushaltens Hiobs
angesichts seiner Prüfungen, sondern auch um das Aushalten jener, die
diese Geschichte lesen.“Die Geduld des Gottesfürchtigen ist beim Lesen
schwer auszuhalten“, schreibt Museumsdirektor Andreas Henning in seinem
Vorwort zum Katalog.“Künstlern ist diese Geste zutiefst vertraut. Sie
stehen ständig vor der Herausforderung, ihr Material auszuhalten, um im
Gestaltungsprozess zu Stimmigkeit zu gelangen.“Felicitas Reusch,
Vorsitzende der „Kunstarche“, wurde von einem Bild angeregt:“Angst“ von
Felix Hamesvaar. Es entstand schon 1985 und zeigt das Bild eines von
Entsetzen gezeichneten Mannes, zu dessen Füßen eine bekannte
Boulervardzeitung liegt- täglich liefert sie Hiobsbotschaften. Seitdem
sind noch viele Kanäle hinzugekommen, die uns täglich 24 Stunden lang
mit solchen Mehr-oder-weniger Neuigkeiten bombardieren.

Gabrielle Hattesen hat Hamsvaars großflächiges Bild
in eine Nische für sich alleine plaziert. Bis man es findet, ist man zum
Beispiel schon an äußerlich glatten, innen aber schwarz versengten
Holzgefäßen von Werner Eberle vorbeigegangen, an zwei zarten
Gaze-Kleidern von Sandra Heintz, die darauf in blutroter Farbe Verbote
geschrieben hat, die Taliban afgahnischen Frauen erteillten. An Birgid
Helmys Terrakotta Kindern, die sich mit Euthanasie auseinandersetzen. An
Hattesens eigenem Objekt „still I rise“, mit dem sie die
afroamerikanische Dichterin Maya Angelou mit ihrem trotzigen Aufstand
zitiert. An Emad Korkis‘ „Banished from Eden“, ein Bild das später auch
noch einmal in einer filmischen Arbeit aufscheint. Und am Beitrag des
Stadtarchivs, das zum Beispiel an Alexei von Jawlensky erinnert, der
seine eigenen Hionsbotschaften zu verarbeiten hatte: die Krankheit
seiner Hände, angesichst derer er dennoch das Malen nicht einstellte und
einige seiner eindrucksvollen Kunstwerke schuf. Die Arbeiten laden zur
Reflexion und Diskussion ein. Das erleichtert nicht nur der informative
Katalog, sondern auch Veranstaltungen im Rahmenprogramm.


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