Pressespiegel

Galerien-Rundgang: Thalhaus und Kunstarche

Freitag, 10. Oktober 2014

Rhein-Main-Presse


Rheinmain Presse Kultur vor Ort 10.10.2014
Von Ulrike Brandenburg

WIESBADEN – Keine im Handel verfügbare Malanleitung
verzichtet auf das Kapitel der Landschaftsdarstellung – aber ist
Landschaftsmalerei tatsächlich ein Synonym für harmlosen Ästhetizismus?
Was für Malanfänger gelten mag, gilt für die Profis mitnichten. Welche
Fülle an Bedeutung eben das Landschaftssujet aufzunehmen vermag,
beweisen aktuell die Schauen im Nerotal und in den Räumen des
Stadtarchivs (Kunstarche).

„Zwischen Tag und Traum“ hat Bernd Zeißler seine
Ausstellung in der Thalhaus-Galerie genannt. Die Bilder sind farbschön,
ihre Motive wirken harmlos. Bei genauerem Hinschauen wird dieser
Eindruck zunehmend unhaltbar. Abstrahiert Figürliches presst sich ins
klaustrophobe Bildformat, Schiffe scheinen vom Meer erstickt zu werden,
Ikarus – so lautet ein Bildtitel – ist quasi omnipräsent. Bernd Zeißler
studierte in den 70er Jahren in Erfurt Kunst und Germanistik.
Entsprechend kommentiert der Künstler mit seinen Bildern auch Franz
Kafka, Hermann Hesse und Christa Wolf. Von der Autorin etwa den Roman
„Kein Ort. Nirgends“. Zeißler erfindet für die fiktive Begegnung
Heinrich von Kleists mit Karoline von Günderode in Winkel am Rhein ein
Gartenidyll von trügerischer Romantik – das übrigens auch an die von
Christa Wolf an anderer Stelle beschriebenen grünen Datscha-Inseln auf
dem Boden des sozialistischen deutschen Staates erinnert.

Unter anderem politisch geht es auch in der überaus
verdienstvollen aktuellen Ausstellung der Kunstarche zu. Die
Veranstalter zeigen repräsentative und zumeist historische Positionen
der jüngeren Wiesbadener Kunstgeschichte zumeist aus Arche-Besitz. Es
begegnen bekannte Namen: Adolf Presber etwa, Erika Kohlhöfer-Hammesfahr,
Michael Moering, Albrecht Graupner und KH Buch. Felix Hamsvaars
„Liebliches Kochertal oder: The pershing II is coming“ (1985) hat es auf
die Einladungskarte geschafft. Eine Sensation ist ein brillant gemaltes
Bild mit dem harmlosen Titel „Kirschenpfad Klarenthal“ (1941). Sein
Maler, Adolf Noetzel, gehörte dem kommunistischen Widerstand gegen das
Naziregime an und starb im Entstehungsjahr des Gemäldes 38-jährig in der
Gestapo-Haft. Dass die Welt von einer existenziellen Unordnung
ergriffen ist, spürt der Bildbetrachter, noch ohne die Biografie des
Künstlers zu kennen.


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