Pressespiegel

Werke, die das Leben feiern – Wolf Spemann zeigt Skulpturen, Johannes Ludwig Aquarelle

Freitag, 31. Juli 2015

Wiesbadener Tagblatt


Wiesbadener Tagblatt 31.07.2015

Von Ulrike Brandenburg

WIESBADEN – In der aktuellen Ausstellung der
Wiesbadener Kunstarche werden Werke gezeigt, die das Leben feiern – und
auch dann noch in der ästhetischen Balance bleiben, wenn die kritische
Botschaft, etwa die Kritik an der Umweltzerstörung, Gegenstand der
visuellen Erzählung ist.

Klassische Moderne

Die gezeigten Skulpturen, Kleinplastiken und Objekte
hat der Grandseigneur der Wiesbadener Kunstszene, Wolf Spemann, die
Aquarelle der nicht minder renommierte Professorenkollege Johannes
Ludwig beigetragen. Beide Künstler entstammen einer Generation, die der
Formensprache der Klassischen Moderne verpflichtet ist.

Worum aber geht es in dieser Schau? Eigentlich um
nichts weniger als um die Werte des Abendlands. Das Formschema der
Tunis-Reise, sprich, die kubistische Darstellung der
Mittelmeerlandschaft durch Paul Klee und August Macke, nutzt Ludwig zur
Entwicklung von sich in virtuos beherrschter Aquarelltechnik
entfaltenden Lichtkristallen. Die prismatische Grundstruktur mit der
Tendenz zu Abstraktheit und Aussparung erscheint als Abbild des
geistigen und des lebensstiftenden Gehalts der Schöpfung. Ist der
Kontakt zur Sinnrepräsentanz der Welt, sprich, der Respekt vor der die
Einheit des Lebens stiftenden Kraft verloren, so ist diese selbst
gefährdet.

Mittelmeer-Optik als konkretes inhaltliches
Anliegen: Ludwigs Tunis-Formel symbolisiert die kulturelle Wurzel
Europas in Antike und Christentum. Die geometrisierten Binnenstrukturen
der lichterfüllten Landschaften verweisen auf die von Euklid bis Leibniz
in der Mathematik- und Philosophiegeschichte präsente Monadenlehre von
der kleinsten Sinneinheit.

Politischer Aktivist

Die Formensprache der Archaik nutzt Wolf Spemann. In
seinen Bronzen erscheinen Gender-Symbole als Garanten einer
universellen Balance. Ganz konkret widmet sich Spemann in seinen in
erfreulich großer Zahl präsenten Bronzeplastiken zumeist dem Thema des
(Welten-)Rads, dessen genderdefinierte, bipolare Kraftpole den Lauf des
Lebens garantieren – in konkreter Verantwortung für die Schöpfung.

Vor 10 000 Jahren entstand die erste menschliche
Hochkultur, Europa blickt auf 2000 Jahre Kulturgeschichte zurück. Nur
200 Jahre Industriegeschichte veränderten das Antlitz der Welt. Und so
ist es nur folgerichtig, dass die aktuelle Ausstellung in der Kunstarche
auch den politischen Aktivisten Spemann zeigt, der, gleichsam
dadaistisch das Readymade nutzend, gegen Umweltverschmutzung und
Atomkraft protestiert. Und gegen den Dauerkonflikt im Nahen Osten, als
dessen Symbol Spemann die Christrose aus Stacheldraht erfand.


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