Wiesbadener Kurier 23.11.2015 Kultur
Von Ulrike Brandenburg
WIESBADEN – „Arnold Gorski – Retrospektive“ lautet
das schlicht formulierte Motto der aktuellen Ausstellung der Kunstarche.
Wer als Hiesiger „Malerei und Zeichnung aus fünf Jahrzehnten“ in
solcher Qualität vorzuweisen hat, ist Teil von Wiesbadens
Kunstgeschichte. 1955 bis 1959 studierte Gorski an der Werkkunstschule
und kam so mit den Grundlagen der unter anderem von Vincent Weber und
Oskar Kolb vermittelten Bauhauslehre in Berührung.
Ohne die Farb- und Formgesetze etwa eines Johannes
Itten wäre das Gorskische Werk in der Tat nicht denkbar – verstehbar
allerdings ist es auch nicht ohne den Aspekt der Literarizität, der
allen Gemälden Gorskis, des bildenden Künstlers und ausgebildeten
Schauspielers, zugrunde liegt. Die Orientierung am Poetischen ist diesem
Maler Grundantrieb, und so haben alle formal ungegenständlichen Bilder
einen Naturbezug, der sich im Titel ebenso manifestiert wie in der Form-
und Farbgebung, die oft noch verfremdete, sprich ins Geistige
gesteigerte Elemente des Landschaftlichen erkennen lässt. „Blätter
fallen, fallen wie von weit“ – Rilke verleiht in seinem berühmten
Herbstgedicht der Natur Magie; wenn sich im Gorskischen Ölgemälde
Goldflocken vor schwarz-grauem Grund ballen, entsteht ein vergleichbarer
Effekt.
Gorski bleibt fast immer bei einer Farbentscheidung,
einem Grundton, aus dessen konsequenter Abmischung mit der
komplementären Farbe dann eine Vielfalt von Grautönen entsteht – diese
harmonisieren nicht nur die bildimmanenten farblichen Kontrapositionen,
sondern erzeugen auch quasi-naturalistische und damit fast surreal
wirkende Licht- und Luftwerte.
Postimpressionistische Pixel
Das amorphe Quadrat ist malerisches Basiselement,
das in dem Moment, in dem sich die landschaftliche Anmutung
konkretisiert, fast als postimpressionistische Pixel-Einheit benannt
werden könnte. De facto ermöglicht diese Grundstruktur die Verdichtung
des Gesehenen in allen nur denkbaren farblichen Feinabstufungen. Wie
viel stupendes auch handwerkliches Können hinter Arnold Gorskis Kunst
steht, wird auch in den großformatigen Bleistiftzeichnungen von fast
altmeisterlicher Qualität deutlich. Und auch hier wird der scheinbar
offenbare Diskurs unterlaufen. Jenseits von Weltverklärung und
Umweltkritik ist es letztlich die Lichtspiegelung im vereisten Asphalt
der Landstraße, die den Bildfokus bestimmt und die Bildbedeutung ins
Unendliche öffnet. Das ist ganz einfach spannend – wie wunderbar, dass
Gorski weiter malt. Die 80 merkt man ihm nicht an.

