Wiesbadener Tagblatt 6. Mai 2017
Von Christine Dressler
WIESBADEN – Rund 100 kraftvolle, poetische,
sensible, gesellschaftskritische und humorvolle Zeichnungen, Aquarelle,
Linol- und Holzschnitte, Monotypien, Laubsägearbeiten, Alu- und
(Farb-)Lithografien, Fotografiken, Plakate und von Günther Stiller
illustrierte Bücher zeigt die Kunstarche zum 90. Geburtstag des vielfach
ausgezeichneten experimentierfreudigen Hamburgers. Er lebte, bis er
1964 nach Watzhahn zog, seit 1951 in Wiesbaden und begründete hier 1957
mit dem Auftrag für Kästners „Drei Männer im Schnee“ seinen Ruf als
herausragendster Buchillustrator der 60er und 70er Jahre. Sie bilden
auch das Herzstück der Schau.
Leihgaben bereichern die Schau
Zu mit Günther und Renate Stiller in Watzhahn
ausgewählten oder im Kunstarche-Verein vorhandenen Exponaten kaufte
Vorsitzende Felicitas Reusch viele der gut 30 Bücher, die Stiller
illustrierte, extra für die Retrospektive: beim Stiller-Schatzhüter
Wolfgang Grätz in Frankfurt und aus der Bibliothek des früheren
Klingspor-Museum-Direktors bei Antiquar Helmut Lang. Dazu bereichert
Verleger Hans Joachim Gelberg die Ausstellung mit Leihgaben.
„Sie bringen Glanz in unsere Hütte“, dankte Reusch
bei der mit mehr als 100 Besucher überlaufenen Eröffnung Stiller unter
großem Applaus für sein Werk und verriet, wem die Schau zu verdanken
war: Renate Stiller wünschte sie sich zum 90. Geburtstag ihres berühmten
Gatten. Für ihn sang das Publikum das „Sesamstraße“-Lied, bevor
Professor Karl-Eckhard Carius das „revolutionäre“ Schaffen des
„kulturellen Zeichensetzers“ gegen die Kommerzialisierung und für die
Individualität in die Buchherstellung, Bildung und gesellschaftliche
Entwicklung von 1900 bis heute einordnete.
Carius, der an Wiesbadens Werkkunstschule studierte
und in Vechta emeritierte, schilderte und belegte in seinem reich
bebilderten Vortrag die „erstaunliche Vielfalt“ und das „sehr breite
Spektrum“ an gängigen sowie experimentellen Techniken und
Ausdrucksformen in Stillers Arbeiten. Ihre Bedeutung für die Zukunft
beweise die Besonderheit, dass seine „ästhetischen Raritäten“ schon zu
Lebzeiten des Künstlers „museal“ wurden. „Der Stiller ist kein Stiller“,
zitierte Carius Peter Härtling. An freien Arbeiten und Dutzenden
Beispielen von Illustrationen für unterschiedlichste Kinder-, Lieder-
und Lyriksammlungen oder Autoren wie Gogol, Andersen, Rimbaud, Schlegel,
Verlain, Guggenmoos und Weiss schilderte Carius die extreme Spannweite
der Schau. Dabei verdeutlichte er im Vergleich zu vor, parallel und nach
Stiller Entstandenem anderer Künstler bis hin zur heute üblichen
Gestaltung, Vermarktung, Digitalisierung und Rezeption von Literatur,
wie „Stillers Kunst die Gestaltung gleichbedeutend mit dem Inhalt“ und
das Buch zum „multimedialen Ereignis“ machte.
